„Schein-Sicherheit“

Über die ungelösten Probleme mit Radstreifen/Mehrzweckstreifen im Bereich von Fahrbahnen mit 3,80 m bzw. 3,50 m Breite.

Aus einem Brief vom 6. Dezember 2006 an Dipl. Ing. Jean-Louis Frossard, Verkehrsplaner Zürich… seither sind 10 Jahre vergangen!

„Seitens ARGUS (Arbeitsgemeinschaft umweltfreundlicher Stadtverkehr) verfolge ich sehr aufmerksam die Entwicklungen rund um die so genannten ‚Kernfahrbahnen’, die dem Radverkehr mehr Chancen einräumen sollen.
… zu einem speziellen ‚Wiener Problem’: Hier gibt es auf Hauptverkehrsstraßen noch viele Straßenbahnlinien mit Kfz-Stellplätze auf beiden Straßenseiten, die in diesen Bereichen nicht wegzubekommen sind. Ein solcher Fahrbahnquerschnitt sieht in der Regel so aus:
Ein in der Mitte gelegener Gleiskörper mit einer Sperrlinie von der Fahrbahn abgetrennt, Fahrbahn mit 3,80 m, fallweise auch nur 3,50 m (!), Parkspuren von 2,00 m Breite, mit fallweisen Ladezonen von 2,50 m Breite, DTV 8.000 bis 15.000, Tempo 50 km/h.

In diesen zahlreichen (Schienen-)Hauptstraßen tauchen immer mehr RadlerInnen auf, die bestehende, oft umwegreiche Radrouten nicht akzeptieren.
Sollte man nun einfach links der Kfz-Parkspuren (z.B. 2,00 m)  einen ‚roten Teppich ausrollen’ mit 1,50 m Breite (in Österreich heißt das ‚Mehrzweckstreifen’), um so den Fahrraum des Radverkehrs für den Autolenker zu verdeutlichen… Für den Kfz-Verkehr bliebe dann 2,30 m Fahrstreifen übrig…
Ich würde gerne Ihre Meinung zu diesem Problem wissen…“

Die prompte Antwort vom 8. Dezember 2006 von Dipl. Ing. Jean-Louis Frossard, Verkehrsplaner Zürich:

„Die in der Schweiz zur Anwendung gelangenden Radstreifen sind insofern mit
Ihren Mehrzweckstreifen vergleichbar, als sie von mehreren Verkehrsteilnehmern (Radfahrenden, Motorfahrzeugen) befahren werden dürfen, wobei die Radfahrenden Vorrang haben.
Die von Ihnen erwähnten, heutigen Maße für die Fahrsteifenbreite (3,50 bis  3,80) sind unter dem Aspekt des Radverkehrs nun wirklich die ungünstigsten Maße, die man sich denken kann: Sie verleiten Motorfahrzeuglenkende zum Überholen von Radfahrenden, obwohl solche Überholvorgänge nicht ungefährlich sind. Das Problem wird noch verschärft durch die geparkten Autos, bei welchen man sich als Radfahrer auch immer vor sich plötzlich öffnenden Wagentüren fürchten muss.

In der Schweiz wurden deshalb lange Zeit entlang von geparkten Autos grundsätzlich keine Radstreifen markiert. Heute tut man es, lässt aber einen zusätzlichen Bereich von 50 cm zwischen Parkflächenbegrenzung und Radstreifen frei. Ihr vorgeschlagener ‚roter Teppich’ ist aber nur 1,50 m breit und bietet keinen Sicherheitsabstand nach rechts.

TürzoneLuzern.jpg
Abb.: Stadtplanung Luzern

Meine Befürchtung ist, dass die von Ihnen vorgeschlagene Maßnahme zum bekannten Problem der SCHEINSICHERHEIT führt: Die Radfahrenden fühlen sich besser aufgehoben und sicherer, aber objektiv betrachtet besteht für eine Annahme erhöhter Sicherheit keinerlei Anlass. Der Schuss geht also hinten hinaus: Die Radfahrenden FÜHLEN sich sicherer und sind gerade dadurch noch mehr gefährdet.

… Die verbleibenden 2,00 – 2,30 m reichen für einen Personenwagen GERADE NOCH zum Durchkommen, deshalb werden sich die Autofahrenden da auch durchwürgen und sich ganz nahe an die Begrenzung des Mehrzweckstreifens herantasten. Unsere Messungen bei Kernfahrbahnen in der Schweiz haben gezeigt, dass der Überholabstand ABNIMMT, sobald ein Radstreifen markiert wird…

Markierungen werden von den Verkehrsteilnehmern (übrigens von allen, auch von den Radfahrenden) als ‚Einladung’ wahrgenommen, innerhalb dieser Markierungen auch zu fahren. Wenn Sie also den Motorfahrzeuglenkern einen nur 2.00 – 2.30 m breiten Fahrstreifen anbieten, dann werden die auch darauf fahren, und zwar auch dann, wenn sie dabei äußerst knapp an einem Fahrra vorbeifahren müssen. Diese Dinge spielen sich im Unterbewusstsein ab: ‚Was markiert ist, kann ich auch fahren’.
Scheinsicherheit ist das größte Übel im Straßenverkehr, oder wie das Sprichwort sagt: ‚Das Gegenteil von gut, ist gut gemeint.’“

Dipl. Ing. Jean-Louis Frossard
Dipl. Ing. ETH/SIA/SVI

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