„…und Einbahnen gaben mir den Rest!“


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„Ausgenommen Fahrräder“, in den 60er Jahren nach StVO (Straßenverkehrsordnung) noch nicht möglich.

Ein Brief, veröffentlicht im „Drahtesel“ Nr. 4/1989, der Vereinszeitung der ARGUS, Arbeitsgemeinschaft umweltfreundlicher Stadtverkehr:
Dr. Manfred Lang, Beamter im Rathaus der Stadt Wien, fuhr Jahre lang mit seinem Fahrrad „in den Dienst“… etliche Zeit bevor es, nicht zuletzt durch die Arbeit der ARGUS, zu einem vermehrten Interesse der Stadtpolitik für das städtische Verkehrsmittel Fahrrad kam.

Und so stand es im „Drahtesel“:

Radfahren im Wien der Sechziger und Siebziger Jahre.
„…und Einbahnen gaben mir den Rest“
Wie wohl fast in jeder Großstadt Mitteleuropas gab es in dieser Zeit den stärksten Aufschwung des Autoverkehrs, verbunden mit dem Erschwernis und Niedergang des Radfahrens. Mich (Jahrgang 1920) traf das mit voller Wucht; ich war nie ein Autofan und hatte herausgefunden, dass man den Weg zwischen der Schönbrunner Gegend und dem Rathausviertel beim damaligen öffentlichen Verkehr schneller mit dem Fahrrad zurücklegen konnte, außer bei tiefem Schnee.
Mit Pkw wäre es theoretisch in 15 Minuten gegangen, aber bald hätte es am Ziel keine Parkplätze mehr gegeben, also ersparte ich mir diesen Ärger.

15 Jahre hielt ich das Radfahren trotz aller Hindernisse durch. Es gab keine demütigenden Vorkommnisse: In der Neustiftgasse schlug mir ein Parkender, ohne dass es vorher ersichtlich war, die Autotüre mit voller Wucht auf die rechte Hand; in der Arndtstraße fuhr ein Lkw ohne Blinken plötzlich rechts in eine Hauseinfahrt, worauf ich blitzschnell in dieselbe Einfahrt einbiegen müsste, um mich zu retten; vor dem Westbahnhof reihte ich mich vor einem Verkehrspolizisten zum Linkseinbiegen ein, hatte eine etwas schwerer Tasche aufgehängt, der Polizist sagte spöttisch: „Na hörn’s, sie tun sich auch schon schwer und halten nur die Autofahrer auf“, am Ring benutzte ich ab und zu die total leere innere Nebenfahrbahn, den ehemaligen Reiterweg der Monarchie, Passanten bedrohten mich und Polizei vertrieb mich.

Heute ist das schon ins Gegenteil umgeschlagen: Halbwüchsige und kleinere Kinder fahren trotz formellen Verbots unangefochten beliebig auf Gehsteigen und ängstigen so alte Menschen.

Warum ich seit dem Ende der siebziger Jahre nicht mehr zu meiner Dienststelle mit dem Rad fuhr, hatte zwei wichtige Gründe: Ersten waren laufend Einbahnen neu eingeführt oder umgedreht worden, mehrmals dort, wo ich meinen besten Weg mit Mühe erprobt hatte, so z. B. Arndstraße, Mollardgasse und andere; zweitens war mit der neuen U4 mein Weg ins Amt auf eine Zeit unter 30 Minuten samt Umsteigen beschleunigt worden.

Als erfahrener Stadtradfahrer erlaube ich mir noch kritisch hinzuweisen, daß ich bei den neuen Radwegen derzeit noch zwei grundsätzliche Nachteile sehe: Erstens fehlen Verbindungen der intensiven Radweginseln untereinander, zweitens ist das Gebiet zwischen Innenzone und Außenzone vor allem im W, SW S und SO von Wien, noch immer nur autogerecht. So ist ein Radausflug ins Grüne von der Zwischenzone aus nach wie vor nicht attraktiv.

Dr. Manfred Lang

Fast alles wird in diesem Brief angesprochen, vieles davon gilt auch heute noch:
>> das Einrichten von Einbahnen, einerseits um Parkplätze zu schaffen, andererseits um eine bessere Verkehrsorganisation für den Autoverkehr zu erzielen…
>> Unmittelbar und unvorsichtig geöffnete Autotüren,
>> Radfahren im toten Winkel von Lkw,
>> als Radfahrer zählte man zu den Verkehrshindernissen,
>> Radwege, die kein Netz ergeben – in der ARGUS wurde der Begriff der „Wiener Würmer“ kreiert,
>> städtische Randgebiete, wo es nur geringe Radverkehrsstrukturen gibt,
und schließlich
>> der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, hier die Stadtbahn, die zur U4 wurde…

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