Nachhilfe aus dem Norden?

Aus einem Interview in ZEIT ONLINE vom 30/6/2014 mit der dänischen Stadt- und Verkehrsplanerin Helle Søholt unter dem Titel „Radfahrer machen eine Stadt erst richtig lebendig“…

 ZEIT: In Deutschland sagen Kritiker, es sei für Radfahrer sicherer, wenn sie auf der Straße zusammen mit den Autos fahren. In Kopenhagen sieht man das offensichtlich anders: Zumindest in der Innenstadt beherrschen separate Radwege das Straßenbild…

Søholt: … und zwar nicht einfach nur auf die Straße gemalte Spuren, sondern echte separate Wege, die von der Autospur durch einen Bordstein getrennt sind und wiederum durch einen Bordstein vom Gehweg. Das macht einen gewaltigen Unterschied, denn es erhöht die gefühlte Sicherheit.

ZEIT: Wie wichtig ist die gefühlte Sicherheit?

Søholt: Enorm wichtig. Ist das Gefühl von Sicherheit groß, dann haben Eltern genug Vertrauen, mit ihrem Kind Rad zu fahren, und Ältere trauen sich aufs Rad… Wollen Sie aber das Fahrrad zu einem attraktiven Transportmittel für die Allgemeinheit machen, dann müssen Sie eine getrennte Infrastruktur schaffen.

ZEIT: Kopenhagens Philosophie ist: Bietet man eine gute Infrastruktur an, werden die Leute sie auch benutzen. Spürt die Stadt schon den Fluch des Erfolgs?

Søholt: Im Zentrum liegt der Radverkehrsanteil bei etwa 50 Prozent, im gesamten Stadtgebiet sind es 35 Prozent. Zum Vergleich: In den meisten anderen Städten in Europa machen Radfahrer 15 bis höchstens 20 Prozent des gesamten Verkehrs aus. Insofern ist der Radverkehr in Kopenhagen schon dominant… Aber in der Tat kommt es inzwischen zu Staus auf Radwegen.

ZEIT: Wie reagiert die Stadtverwaltung darauf?

Søholt: Sie beginnt, auf Schlüsselstrecken die Wege zu verbreitern, also dem Autoverkehr weiteren Raum wegzunehmen. Es wird versucht, Radwege in zwei Spuren zu teilen, so dass schnellere Radler langsamere überholen können. Und die Stadt experimentiert damit, ganze Straßen für Autos zu sperren und dort nur noch Radfahrer, öffentlichen Nahverkehr und eventuell noch Anlieger zuzulassen. Die Stadtverwaltung ist sehr innovativ und stets bereit, neue Ideen auszuprobieren. Es überrascht mich ein wenig, dass Deutschland in diesem Punkt nicht weiter ist… Es ist erstaunlich, dass die Deutschen beim Radverkehr hinterherhinken.
… Darum müssen wir dafür werben, das Radfahren als Bestandteil integrierter Mobilitätssysteme zu begreifen, als Teil einer Strategie, Städte mit hoher Lebensqualität zu schaffen. Das ist auch der Grund, warum ich spezielle Radveranstaltungen eher meide. Ich spreche lieber darüber, wie man attraktive Städte für Menschen baut – und Radfahren ist ein Teil der Lösung.

Zum Nachlesen:
http://www.zeit.de/mobilitaet/2014-05/stadtplanung-fahrrad

PS:
„…ganze Straßen für Autos zu sperren und dort nur noch Radfahrer, öffentlichen Nahverkehr und eventuell noch Anlieger zuzulassen…“
Da fällt mir doch gerade die Mariahilfer Straße ein, wo der Radverkehr (fast) und der öffentliche Verkehr (in Teilen) und die Anlieger überhaupt ausgeschlossen sind!
Vielleicht hätte man doch im Norden nachfragen sollen!?

RadstreifenNebenRadweg
RADWEG und RADSTREIFEN nebeneinander…
Foto: M. Friedl

 

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