Vom Radfahren bei ROT

Vor 20 Jahren, Anfang 1994, schrieb der Soziologieprofessor Roland Girtler in seiner Glosse „Freilauf“, im „Drahtesel“, der Vereinszeitung der ARGUS – Arbeitsgemeinschaft umweltfreundlicher Stadtverkehr – folgende Zeilen:

„Es war ein kalter Dezembertag, an dem ich mit  dem Fahrrad so gegen 16 Uhr über die für gewöhnlich stark befahrene Kreuzung beim Wiener Landesgericht fuhr. Ich kam ohne Probleme heil über die Straße und überquerte gleich ebenso gefahrlos eine andere. Allerdings war ich beide Male unterwegs, als die Ampel noch „rot“ zeigte, die querenden Autos hatten jedoch bereits angehalten und ich hatte weder mich noch andere gefährdet…
… ich hielt mein Fahrrad vor einem Geschäft ca. 50 Meter von der Kreuzung entfernt an und betrat dieses. Als ich wieder auf die Straße zu meinem Fahrrad zurückkehrte, standen zwei mehr oder weniger wackere Polizisten bei diesem und warteten auf mich. Sie waren mir nachgeeilt und forderten von mir nun 500 Schilling als Buße für mein oben aufgezeigtes „Verbrechen“.
Ich gestattete mir den Hinweis auf Goethes „Faust“, in dem auf die sinnvolle Anwendung von Rechtsnormen hingewiesen wird. Und zitierte: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“.
Außerdem erwähnte ich höflich, dass ich mich von einem Automaten, eben der Ampel, ungern tyrannisieren lasse, denn es käme auf den Sinn der Rechtsnorm an. Und den hätte ich erfüllt. Ich hätte niemanden behindert oder sonstwie gestört.
Sie interessiere Goethe nicht und außerdem sei es von mir höchst verwerflich, mit ihnen überhaupt diskutieren zu wollen.
Und als ich noch darauf verwies, es sei nicht gerade freundlich von ihnen, mich abstrafen zu wollen, und die in der Nähe auf dem Gehsteig parkenden Autos zu tolerieren, wurden beide erregt. Die Autos würden sie nicht stören, aber die Radfahrer ganz allgemein und meine Person im besonderen. Und außerdem stelle ich durch meine Hinweise das ganze System in Frage.
Als man mir drohte, mich anzeigen zu wollen, zahlte ich ergebenst das verlangte Geld. Eine daran anschließende Diskussion über den Sinn von Rechtsnormen, verlief ergebnislos.
Da ich dennoch glauben will, dass es Polizisten gibt, die ein weites Herz für Radfahrer haben und Normen sinnvoll ausführen, erhebe ich auf deren Wohlsein ein kleines Glas mit dem isotonischen Getränk Bier.“
(Aus DE Nr. 1/ 1994; Girtlers Freilauf)

Irgendwie passt die folgende Musiknummer doch dazu…

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